Taiwans Anteil am wirtschaftlichen Erfolg von Shenzen, VR China

28. September 2012

The Register schickt ihren Phil Muncaster nach Shenzen, VR China, das sich über Jahre hinweg zur Elektronik-Fabrik der Welt gemausert hat. Der Artikel ist lesenswert, und Taiwan findet zuträgliche Erwähnung in dem recht ausführlichen Bericht Meet Shenzhen, tech capital of China:

“Shenzhen and the surrounding area have built up an almost complete IT supply chain,” said Forrester analyst Bryan Wang.

“It would be probably the most complete outside Taiwan’s Hsinchu area. The region manufactures almost every component except for chipsets (which are made mostly in Taiwan/Shanghai/Korea/etc.) and LCD screens (Taiwan/Korea/Japan).”

Uns freut besonders dass Taiwan einerseits als Maßstab und zudem als Mitbegründer des Erfolgs der Sonderwirtschaftszone Shenzen explizit genannt wird. Die Chinesen, die dort erfolgreiche Unternehmen führen mögen das teilweise anders sehen, aber Taiwan ist und bleibt einer der größten ausländischen Investoren in der Volksrepublik, und das von Anfang an:

[…] this Chinese manufacturing revolution was kick started by Hong Kong and Taiwanese investment – and lots of it – in the very early days of economic reform, according to Gartner’s Roger Sheng.

Das riesige Industriegebiet von Shenzen hat nach wie vor eine starke Anziehungskraft auch für Auftraggeber aus Taiwan. Wer Hsinchu nicht kennt mag als Tourist bereits das undifferenzierte Industriegebiet westlich der Gaotie bemerkt haben, das sich nahe der Bahnstation Hsinchu gut sichtbar bis zum Horizont erstrecken zu scheint. (Der zugehörige Wikipedia-Artikel ist derzeit noch nicht ins deutsche übersetzt.) Hier haben große, international tätige Konzerne  der Halbleiterindustrie ihren Sitz, u.a. das Halbleiterschwergewicht TSMC und viele andere Unternehmen, die in Shenzen preiswerter produzieren lassen als das in Taiwan möglich wäre.


‚Taiwan Corner‘ jetzt auch auf deutsch

22. März 2010

Wie die Taipei Times meldet erhält das dänische Onlinemagazin ‚Taiwan Corner‘ eine deutsche Abteilung. Immerhin die Titelseite des Newsletters wird wird übersetzt, so dass jetzt neben Niederländisch, Englisch und Chinesisch jetzt auch die deutsche Nachrichtenwelt leichteren Zugang zu Nachrichten aus Taiwan hat. Hey, mit diesem Anspruch sind wir uns gar nicht so unähnlich! 😉 Willkommen!

In Zukunft also direkt hier entlang: http://www.taiwancorner.org/German/index_ger.html


Anmerkungen zu Patriotismus, Psychologie und Vereinigungsphantasien

4. Februar 2010

Das viel fleißigere Blog Blickpunkt Taiwan hat einige gute Anmerkungen zu einem Reiseartikel, der im Juli 2009 in der Welt Online erschienen ist: Die buckelige Verwandschaft? Lesenswert, beide Artikel.

Interessant und unvermeidlich beim Blickpunkt ist der Hinweis, dass beinahe jeder Artikel über Taiwan irgend eine Referenz zu China enthalten muss, so auch der in der Welt von heute. Scheint tatsächlich so zu sein. Das ist aber keineswegs „natürlicherweise“ so, sondern irgendwie immer einer schlechten, also unvollständigen und oft unverständigen Berichterstattung geschuldet. Wer weiß denn hierzulande besonders viel über Taiwan? Unsere Großväter sind alt genug, um noch „Nationalchina“ von „Rotchina“ unterscheiden zu können, und kennen den Namen „Formosa“. Etwas jüngere und weltpolitisch informierte wissen über Taiwan, dass „es unter der ständigen Bedrohung durch China“ lebt. Nunja, so ganz falsch ist das nicht. Aber arg verkürzt. Wie soll man das formulieren, wenn man nur eine kurze Fahrstuhlfahrt lang Zeit hat? Eine richtig gute ein-Satz-Antwort haben wir auch nicht immer parat. Mir fiel in obiger Situation nur ein zu sagen, dass man da schnell ins diskutieren kommen würde und es viele kontroverse Meinungen gibt. Und dass die Politik zum Glück eine größere Rolle spielt als eine unmittelbare Kriegsdrohung. Da gingen die Fahrstuhltüren schon wieder zu. Keine gute Voraussetzung, auf Regierungen und ihre Positionen abzuheben.

Dieses Blog versucht in unregelmäßigen Abständen das Wahrnehmungsfenster zu weiten, oder zumindest beständig offen zu halten. Blickpunkt Taipei macht das regelmäßiger und profunder als wir, aber auch da vermisst man ab und an etwas. Offene Türen einrennen ist das eine, aber den Blick zuerst einmal zu öffnen ist oft schwieriger als man ahnt.

Ein Problem ist die mangelnde Anerkennung der Wirtschaftskraft Taiwans. Für ein so kleines Land ist Taiwan sehr leistungsfähig. Wir haben anderswo schon Vergleiche gezogen (und werden das demnächst mal wieder tun) – was da im Bild noch fehlt ist eine Studie zur, ich sage jetzt mal „Markenwahrnehmung“. Jeder Taiwanese, der auch nur ein wenig 愛國, also Patriot ist, wird sofort eine ganze Latte von Herstellern, Marken und Produkten nennen können, die genuin aus Taiwan stammen. Aber anderswo auf der Welt fehlt schlicht das Wissen, selbst bei Overclockern und IT-affinen Zielgruppen. Damit kommt auch eine gewisse Verankerung taiwanischer Marken in Europa zu kurz. Und das hat nicht unbedingt politische Gründe.

Das vielleicht beste, oder jedenfalls ein treffendes Beispiel ist Giant, die Fahrradmarke. Fast jeder beliebige Fahrradladen in Deutschland dürfte das eine oder andere Poster aufgehängt haben, auf dem „Giant USA“ beworben wird. Ich kenne die Marke gefühlt seit Ewigkeiten – aber bis ich ca. 2000 darauf aufmerksam wurde ahnte ich nicht, dass sie aus Taiwan stammt. So kanns hierzulande gehen, während man in Taiwan sichtbar stolz ist über die Marken und entsprechend pikiert, wenn man sagt „…aus den USA?“.

Wenn es gut steht haben Menschen aus dem IT-Bereich im weiteren Sinne gleich eine ganze Reihe Fakten parat: 80% aller Hardware komme aus Taiwan, wird dort oder outgesourct in China hergestellt. Manche wissen noch, dass sie zumeist in Taiwan entwickelt wird. Die Marken sind zahlreich und decken weite Teile des Marktes ab: Asus, Acer, MSI, Foxconn, Gigabyte, ASRock, Tyan, Transcend, Adata, G-Skill … aber selbst hier hört die Wahrnehmung bald auf. Ich fand dieses Video, wo die Moderatorin mehrmals und zunehmend drängelnd versucht, dem Overclocker „Sascha“ mehr Marken zu entlocken, und scheitert:

Was hat das mit politischen Sichten auf Taiwan und China zu tun? Die Metapher vom „großen Bruder“ im Reiseartikel ist zumindest unglücklich gewählt. Die Familienähnlichkeit mag bestehen oder nicht. Die Vergleiche hinken schnell, denn China ist nicht geteilt und nicht wie Deutschland geteilt worden. Es gab einen Bürgerkrieg. Eine Wiedervereinigung mag mancher wünschen, unterliegt dabei einem Trugschluss – dem Teil „wieder“. Daran ändern auch „furry lardbombs“ im Zoo Taipei nichts.

Den Gedanken, dass eine einsichtig gewordene Volksrepublik tatsächlich demokratisch wird und sich formal der Republik anschließt halte ich für den gewagtesten. Aber zuvor müssen beide Seiten, so sie es denn wollen, sich mit der Vergangenheit beschäftigen, ohne in Zoten und


Politische Einstellung der Taiwaner in Zahlen

21. Dezember 2009

Bei EastSouthWestNorth finden sich Erkenntnisse einer Umfrage, die im Auftrag des Privatsenders TVBS durchgeführt wurde (PDF-Link). Gefragt wurde nach der Einstellung zu einigen Aspekten, die mit dem politischen Verhältnis zur Volksrepublik China und einigen der beteiligen politischen Agenten zu tun haben: ECFA, ARATS, DPP und der politischen Bevölkerung Taiwans.

Unsere Kurzfassung der Zahlen ist diese: Wenn die Wahl bestünde, sich mit China zu vereinigen oder unabhängig zu werden, wählen zwei Drittel der Befragten (68%) die Unabhängigkeit. Vor die Wahl gestellt, den Status Quo zu behalten oder die Unabhängigkeit zu forcieren geht beinahe derselbe Anteil auf „Status Quo behalten“ (64%). Beide Antworten dürften die Fragen, wie die bisher unter Ma Ying-yeo ausgehandelten Verträge zu Taiwan einzuschätzen sind (30% zuträglich, 31% abträglich) und ob sich die gegenwärtige Regierung zu sehr in Richtung Volksrepublik lehnt (52%) nachdrücklich qualifizieren.

Die taiwanische Außenpolitik wird also spannend bleiben und dürfte wie bisher im Wahlkampf eine gewichtige Rolle spielen. In der Außenwahrnehmung

Eine etwas andere Zusammenfassung hat die China Times.

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Taiwan für chinesisches Kulturverständnis unentbehrlich

26. August 2009

Die FAZ hat heute einen interessanten Artikel anläßlich der Frankfurter Buchmesse und des diesjährigen Partnerlandes. Mark Siemons schreibt in „Die andere Kulturrevolution“ zum augenfälligen Kontrast Taiwan und China:

In Ermangelung eines souveränen, voll handlungsfähigen Staats stellt sich den Taiwanern seit mehr als zwanzig Jahren die Frage: Wie können wir unsere mühsam errungene Demokratie und Eigenständigkeit gegenüber der Volksrepublik, die auf uns Anspruch erhebt, behaupten? In welchem Sinn gehören wir, wenn überhaupt, zu China, und was gehört außerdem noch zu uns? Was ist überhaupt „China“, abgesehen von der das Land zurzeit regierenden Kommunistischen Partei? So wird Taiwan für die Diskussion, was die chinesische Kultur zur Gegenwart beitragen kann, unentbehrlich.

Ich bin nicht sicher ob ich mit allen Darstellungen und Schlußfolgerungen übereinstimme. Um etwas über die intellektuelle und literarische Welt in Taiwan zu erfahren und Buchempfehlungen zu erhalten ist der Artikel jedenfalls bestens geeignet. Wir wünschen uns mehr Journalisten, die so einen weiten Blick haben und einige der Problematiken verstehen und darstellen können, politisch wie kulturell.


Politische Demonstration mit Hunderttausenden

28. Oktober 2008

Was deutschsprachige Medien über Taiwan berichten, stellt Blickpunkt Taiwan immer wieder schön zusammen. Was in der Berichterstattung generell zu kurz kommt sind innenpolitische Themen – hüben wie drüben von wenig Interesse. In jeder Demokratie gibt es aber immer genügend Stoff für Inlandsnachrichten, zumal wenn 200’000 bis 300’000 Menschen demonstrieren gehen.

Am 25.10. gingen in Taipei einige Hunderttausend Menschen auf die Straße, um gegen die Politik des Präsidenten Ma Ying-yeo zu demonstrieren; insbesondere seine gefühlte Annäherung an das kommunistische Festlandschina stößt der Opposition sauer auf. Alternative Begründungen sprechen von einem anderen „heimlichen Thema“ der Demonstration, nämlich dem Machtkampf zwischen Bian-Befürwortern und Bian-Gegnern, oder ganz anders gelagert. Der Ort der Demonstration war gut gewählt, siehe dieses Foto: das breite Gebäude hinten rechts ist der Präsidentenpalast.

Hunderttausende Menschen demonstrieren auf der Straße in Taipei

Hunderttausende Menschen auf der Straße in Taipei

Der frühere Präsident Taiwans, Chen Shui-bian (陳水扁) nahm an der Demonstration teil, mit ihm Teile der Führungsriege. Wer die politischen Farben Taiwans kennt weiß also, dass hier v.a. „Grün“ gegen „Blau“ demonstriert hat. Und die gewohnt emotionalen Geschmäcker taiwanischer politischer Massen fängt ein Artikel der Taipei Times gut ein; das brauchen wir nicht zu wiederholen.

Besonders belustigend für den Außenseiter ist das grüne (sic!) Laserlicht, das anlässlich der Demonstration auf den Präsidentenpalast projeziert wurde; offenbar war der Abstand doch nicht groß genug. Der Privatsender TVBS hat es eingefangen:

Pikante Laserprojektion auf dem Präsidentenpalast

Pikante Laserprojektion auf dem Präsidentenpalast

(Das mit dem animierten Bild klappt hier wohl nicht so richtig.) Das Wort ist 無能: „inkompetent“ und „impotent“ und spricht sich wúnéng. Schroffer Tonfall jedenfalls; hier läßt man keinen Zweifel was man von der Kompetenz des anderen hält.

Hierzulande hätte man kaum den Schneid, so kräftige Worte in schriftlicher Form zu wählen, denken wir. Oder man müsste sofort zurückrudern am Tag danach. Vielleicht ist das der Grund, warum die deutsche Opposition in ausländischen Medien kaum zur Sprache kommt?


Olympia, Taiwan und Burma

27. August 2008

Wer die Schlußfeier der 29. Olympischen Spiele im ZDF gesehen hat mag es mitbekommen haben: eher am Anfang der Nationen verabschiedete sich Taiwan, und die Kommentatoren sprechen gefühlt minutenlang über Taiwan, benennen die Lage in der internationale Politik und das Verbot der taiwanesischen Flagge in der Volksrepublik China. Bei der Aufzählung der Eigenschaften fehlte uns etwas das Schlagwort „Demokratie“, das einen kräftigen Kontrast zum Gastgeberland aufgespannt hätte, aber allzu kleinlich wollen wir nicht sein. Die Kommentare waren gut in Ordnung, kamen zur rechten Zeit, und haben womöglich den einen oder anderen Zuschauer darauf aufmerksam gemacht, dass sich das Nachschlagen lohnt. Danke ZDF!

Hier funktioniert die Mediathek nicht, aber man kann im Prinzip die Übertragung der Abschlußfeier noch einmal angucken, hier: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/569154?inPopup=true. Wenn das inklusive Kommentar ist dann mal aufmerksam die ersten paar Minuten verfolgen.

Was uns entgangen war: offenbar wurde verschiedentlich die burmesische Flagge verwendet und von Taiwan verwendet – weil sie recht ähnlich sieht. Farbgebung und Aufbau sind praktisch gleich, nur das weiße „Ornament“ im blauen Feld links oben ist anders: statt der republikanischen Sonne (Taiwan) sind einige Symbole Burmas zu sehen. Mit etwas Abstand oder schlechtem Empfang hat man so geschickt das Verbot umgangen.

Die Spiele selber haben wir kaum verfolgt, von den von Zhang Yimou spektakulär inszenierten Ein- und Ausgangsfeiern abgesehen. Wir wissen aber den Medaillenspiegel dank des Internets nachzuschlagen: Taiwan, das entwürdigenderweise als Chinese Taipei antreten muss, belegt Rang 80, mit 4 bronzemedaillen. Die Schweiz ist 34., und Deutschland immerhin 5. Alle Achtung. Bei der Überzahl volkschinesischer AthletInnen ist das ganz ordentlich.
In den ersten Tagen der Spiele haben wir allerdings Chen Wei-Ling zugesehen, die im Gewichtheben noch versucht hatte, den politischen Konflikt durch mehr Gewicht umzukehren und mehr zu reißen als die Goldmedaillengewinnerin Chen Xiexia (VR China). Die Niedergeschlagenheit war ihr anzusehen.