Presseschau zum Verhältnis China-Taiwan

Historisch kann man viel sagen, aber das steht schon alles irgendwo. Spannender zu verfolgen ist die derzeitige Nachrichtenlage um die Anstrengungen Taiwans, bei der UN einen Antrag auf Aufnahme zu stellen, und zwar unter dem Namen Taiwan. Für die Volksrepublik China ist das eine dicke Provokation, aber hiesige Medien schweigen meist darüber.

Kontext bietet eine neulich veröffentlichte Umfrage, nach der 69% der befragten Taiwanesen sich selbst als Taiwanesen sehen (ergo nur eine deutliche Minderheit sich als Chinesen sieht), und 70% der Meinung sind, dass Taiwan ein unabhängiger Staat ist. Starker Tobak. Genaue Quellen gibt es nicht, außer dass die DPP diese Zahlen vorgelegt hat, aber politisch ist klar: es geht gegen den Präsidenschaftskandidaten der 2004 hauchfein unterlegenen Oppositionspartei KMT Ma Ying-jeou (馬英九), der einen eigenen Antrag auf den Namen „Taipei, China“ stellen würde. Das klingt artverwandt zu und ist kein politisches Distinktionskriterium gegenüber den volksrepublikanisch-festländischen Namen „Chinese Taipei“, der die Ein-China-Politik begleitet und in der UN ersetzt werden soll. Deswegen der ganze Schlagabtausch.

Das sind also die Vorbedingungen für den anstehenden Wahlkampf 2008. Hier eine kleine Medienlese in unsystematischen Auszügen.

  • Präsident Chen Shui-bian geht aufs Ganze und kann nicht zurück. Alles oder nichts. Chen bets his legacy by taking UN issue to Taiwan’s polls, 2. September 2007, International Herald Tribune:

    It may be President Chen Shui-bian’s last shot as a self-declared guardian of Taiwan’s democratic values: pushing for a referendum to underscore the island’s sovereignty and right to join the United Nations.

    Going to the Taiwanese electorate with a drive for UN membership has drawn sharp criticism from the United States for unnecessarily provoking China, which claims Taiwan as its territory and has vowed to resist moves that endow the self-governing, democratic island with even minimal trappings of sovereignty.

  • Noch hört China wohl auf die USA. Vor Olympia 2008 will Beijing wohl keinen internationalen Stress. China drops plans for vote on Taiwan, 6. September 2007 in den Taipei Times:

    The Democratic Progressive Party (DPP) and Chinese Nationalist Party (KMT) reacted positively yesterday to reports that the US had pressured China into dropping its proposal to initiate a UN vote on whether Taiwan is part of China.

  • Der Wahlkampf hat begonnen: China is Taiwan’s real enemy: Chen, 8. September 2007, Taipei Times:

    President Chen Shui-bian (陳水扁) yesterday defended Taiwan’s sovereignty as an independent country and said that China’s exertion of enormous pressure against Taiwan’s attempts to join the UN made it the nation’s real enemy.

  • Klar kann man dagegen was machen: Rhetorische Keulen schwingen und den Präsidenten versuchsweise deklassieren. Taiwanese hold candlelight party against Chen Shui-bian, 10. September 2007, staatliche volkschinesische Nachrichtenagentur Xinhua:

    Taiwanese protesters wearing red T-shirts held a candlelight party in Taipei Sunday evening to show opposition to the island’s leader Chen Shui-bian. […] A protest attended by hundreds of thousands of Taiwanese took place on the same day last year after some of Chen Shui-bian’s family members were implicated in a series of scandals.

    Der Steuerskandal vom letzten Jahr wird im Wahlkampf noch eine Rolle spielen, jede Wette.

  • Man wird deutlicher, weil man Angst hat, Demokratie unter Chinesen könnte Schule machen: Chen Shui-bian warned of ’serious consequences‘, 13. September 2007, Xinhua:

    Beijing yesterday warned Taiwan leader Chen Shui-bian of serious consequences for his reckless push for „independence“ and condemned him as a „schemer“ and „national traitor“. […] Li Weiyi, spokesman for the Taiwan Affairs Office of the State Council … told a regular press conference that Chen is „an out-and-out schemer“ and „a destroyer“ who will not hesitate to ruin peace and stability across the Taiwan Straits and in the Asia-Pacific region.

Bereits im Juni holte die Regierung (wozu der Präsident einer semipräsidialen Republik auch gehört) den deutschen Botschafter, Literaturprofessor und rhetorisch voll zurechnungsfähigen Hsieh Jhy-wey (謝志偉) zu sich. Man ahnte wohl schon, dass es nötig oder zumindest eine gute Idee sein würde. Nach fast acht Jahren im Amt will sich die Demokratische Fortschrittspartei (DPP) keinen Fall erlauben.

Auch an andere Stelle lässt sich alles weiterverfolgen. Wichtige Quellen für politische Information sind Taiwan News und Taiwandc.org.

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One Response to Presseschau zum Verhältnis China-Taiwan

  1. […] vor, oft in propagandistisch-beißender Rhetorik, besonders im Vorfeld von Wahlen oder Anträgen auf Wiederaufnahme in die Vereinten Nationen. Zuweilen berichtet das chinesische Staatsfernsehen […]

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