Taiwan für chinesisches Kulturverständnis unentbehrlich

26. August 2009

Die FAZ hat heute einen interessanten Artikel anläßlich der Frankfurter Buchmesse und des diesjährigen Partnerlandes. Mark Siemons schreibt in „Die andere Kulturrevolution“ zum augenfälligen Kontrast Taiwan und China:

In Ermangelung eines souveränen, voll handlungsfähigen Staats stellt sich den Taiwanern seit mehr als zwanzig Jahren die Frage: Wie können wir unsere mühsam errungene Demokratie und Eigenständigkeit gegenüber der Volksrepublik, die auf uns Anspruch erhebt, behaupten? In welchem Sinn gehören wir, wenn überhaupt, zu China, und was gehört außerdem noch zu uns? Was ist überhaupt „China“, abgesehen von der das Land zurzeit regierenden Kommunistischen Partei? So wird Taiwan für die Diskussion, was die chinesische Kultur zur Gegenwart beitragen kann, unentbehrlich.

Ich bin nicht sicher ob ich mit allen Darstellungen und Schlußfolgerungen übereinstimme. Um etwas über die intellektuelle und literarische Welt in Taiwan zu erfahren und Buchempfehlungen zu erhalten ist der Artikel jedenfalls bestens geeignet. Wir wünschen uns mehr Journalisten, die so einen weiten Blick haben und einige der Problematiken verstehen und darstellen können, politisch wie kulturell.


Politische Demonstration mit Hunderttausenden

28. Oktober 2008

Was deutschsprachige Medien über Taiwan berichten, stellt Blickpunkt Taiwan immer wieder schön zusammen. Was in der Berichterstattung generell zu kurz kommt sind innenpolitische Themen – hüben wie drüben von wenig Interesse. In jeder Demokratie gibt es aber immer genügend Stoff für Inlandsnachrichten, zumal wenn 200′000 bis 300′000 Menschen demonstrieren gehen.

Am 25.10. gingen in Taipei einige Hunderttausend Menschen auf die Straße, um gegen die Politik des Präsidenten Ma Ying-yeo zu demonstrieren; insbesondere seine gefühlte Annäherung an das kommunistische Festlandschina stößt der Opposition sauer auf. Alternative Begründungen sprechen von einem anderen „heimlichen Thema“ der Demonstration, nämlich dem Machtkampf zwischen Bian-Befürwortern und Bian-Gegnern, oder ganz anders gelagert. Der Ort der Demonstration war gut gewählt, siehe dieses Foto: das breite Gebäude hinten rechts ist der Präsidentenpalast.

Hunderttausende Menschen demonstrieren auf der Straße in Taipei

Hunderttausende Menschen auf der Straße in Taipei

Der frühere Präsident Taiwans, Chen Shui-bian (陳水扁) nahm an der Demonstration teil, mit ihm Teile der Führungsriege. Wer die politischen Farben Taiwans kennt weiß also, dass hier v.a. „Grün“ gegen „Blau“ demonstriert hat. Und die gewohnt emotionalen Geschmäcker taiwanischer politischer Massen fängt ein Artikel der Taipei Times gut ein; das brauchen wir nicht zu wiederholen.

Besonders belustigend für den Außenseiter ist das grüne (sic!) Laserlicht, das anlässlich der Demonstration auf den Präsidentenpalast projeziert wurde; offenbar war der Abstand doch nicht groß genug. Der Privatsender TVBS hat es eingefangen:

Pikante Laserprojektion auf dem Präsidentenpalast

Pikante Laserprojektion auf dem Präsidentenpalast

(Das mit dem animierten Bild klappt hier wohl nicht so richtig.) Das Wort ist 無能: „inkompetent“ und „impotent“ und spricht sich wúnéng. Schroffer Tonfall jedenfalls; hier läßt man keinen Zweifel was man von der Kompetenz des anderen hält.

Hierzulande hätte man kaum den Schneid, so kräftige Worte in schriftlicher Form zu wählen, denken wir. Oder man müsste sofort zurückrudern am Tag danach. Vielleicht ist das der Grund, warum die deutsche Opposition in ausländischen Medien kaum zur Sprache kommt?


Olympia, Taiwan und Burma

27. August 2008

Wer die Schlußfeier der 29. Olympischen Spiele im ZDF gesehen hat mag es mitbekommen haben: eher am Anfang der Nationen verabschiedete sich Taiwan, und die Kommentatoren sprechen gefühlt minutenlang über Taiwan, benennen die Lage in der internationale Politik und das Verbot der taiwanesischen Flagge in der Volksrepublik China. Bei der Aufzählung der Eigenschaften fehlte uns etwas das Schlagwort „Demokratie“, das einen kräftigen Kontrast zum Gastgeberland aufgespannt hätte, aber allzu kleinlich wollen wir nicht sein. Die Kommentare waren gut in Ordnung, kamen zur rechten Zeit, und haben womöglich den einen oder anderen Zuschauer darauf aufmerksam gemacht, dass sich das Nachschlagen lohnt. Danke ZDF!

Hier funktioniert die Mediathek nicht, aber man kann im Prinzip die Übertragung der Abschlußfeier noch einmal angucken, hier: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/569154?inPopup=true. Wenn das inklusive Kommentar ist dann mal aufmerksam die ersten paar Minuten verfolgen.

Was uns entgangen war: offenbar wurde verschiedentlich die burmesische Flagge verwendet und von Taiwan verwendet – weil sie recht ähnlich sieht. Farbgebung und Aufbau sind praktisch gleich, nur das weiße „Ornament“ im blauen Feld links oben ist anders: statt der republikanischen Sonne (Taiwan) sind einige Symbole Burmas zu sehen. Mit etwas Abstand oder schlechtem Empfang hat man so geschickt das Verbot umgangen.

Die Spiele selber haben wir kaum verfolgt, von den von Zhang Yimou spektakulär inszenierten Ein- und Ausgangsfeiern abgesehen. Wir wissen aber den Medaillenspiegel dank des Internets nachzuschlagen: Taiwan, das entwürdigenderweise als Chinese Taipei antreten muss, belegt Rang 80, mit 4 bronzemedaillen. Die Schweiz ist 34., und Deutschland immerhin 5. Alle Achtung. Bei der Überzahl volkschinesischer AthletInnen ist das ganz ordentlich.
In den ersten Tagen der Spiele haben wir allerdings Chen Wei-Ling zugesehen, die im Gewichtheben noch versucht hatte, den politischen Konflikt durch mehr Gewicht umzukehren und mehr zu reißen als die Goldmedaillengewinnerin Chen Xiexia (VR China). Die Niedergeschlagenheit war ihr anzusehen.


Kulturschocks bei Taiwanesen und Chinesen

15. Juli 2008

Nachdem die Festlandschinesen aus der Volksrepublik China nun in das demokratische China fliegen dürfen, ohne einen mehrstündigen Umweg über Hong Kong zu machen, kommen erste Reaktionen in den Medien:
Culture Shock For Chinese Tourists And Taiwanese Hosts

Others, such as taxi driver Huang Li-kuo, are more tolerant. „The mainland tourists remind me of how we Taiwanese were when we first travelled abroad. We were also censured for talking loudly in public and haggling over prices,“ he said.

Taiwan had already established itself as a regional economic powerhouse when the mainland began liberalising its economy in the 1970s and 1980s.

„That is why some Taiwanese still have a condescending attitude towards the mainlanders,“ said Taiwanese Wang Hsing-ching, a well-known political commentator who pens columns under the pseudonym, Nanfang Shuo.

„But there has been a dramatic shift in attitude with the Chinese economy taking off. In fact, some Taiwanese have swung from one extreme to the other – from looking down on mainlanders to worshipping them as saviours of Taiwan’s economy,“ he told The Straits Times.

[via linguafranca]


Da ist noch Luft, SEF und ARATS

1. Juli 2008

Nach dem Regierungswechsel in Taiwan (wir berichteten) ist es recht schnell zu binationalen Gesprächen gekommen, und beide Seiten haben wiederholt versichert, die Gespräche seien gut vorangekommen, etc etc. Nichts anderes hat man erwartet. Abtasten tut Not, aber nicht allzu öffentlich, und die Details erfährt ja niemand in der breiten Öffentlichkeit so genau. Aber es gibt viel zu lesen, und der Grundton ist positiv. Auch wir von taiwaninthenews schätzen, dass man sich unterhält, wie es scheint unverkrampft. Die Akteure sind natürlich, wie könnte es anders sein, nicht die jeweiligen Regierungen, sondern Chinas „Association for Relations Across the Taiwan Strait“ (ARATS) und Taiwans „Straits Exchange Foundation“ (SEF), die bereits seit 1991 existieren.

Ein parteiischer Artikel von Paul Lin (林保華) in den Taipei Times wirft ein anderes Licht auf die Gespräche und betont die Konsequenzen, die oftmals unerwähnt bleiben. Anlass ist ein pro-volkschinesischer Artikel vom 13. Juni 2008, der in der Zeitung Ming Pao (Hong Kong) erschienen ist, und der ebenfalls Partei ergreift. Paul Lin schreibt:

The value of sacrifices made by Taiwan in terms of sovereignty is already larger in value than China’s “big gifts,” which are really just tourists coming to Taiwan and chartered direct flights. Taiwan allowed tourists to go to China in the 1980s; and countless Taiwanese businessmen invested there after the Tiananmen Square Massacre, helping to save a Chinese economy that was starting to slip at that time. Now, there are millions of Taiwanese residing in China and Taiwanese have invested hundreds of billions of dollars there. Yet when a few thousand Chinese are set to come to Taiwan for a holiday, China calls it a “big gift.” Does this mean all that Taiwan has given China didn’t amount to anything? It is high time China cultivated some virtue and a little class and repay Taiwan instead.

Das halte ich für einen wichtigen Punkt, sowohl als beachtliches Gewicht in den Verhandlungen, und als taiwanisch-binnenpolitischen Sprengstoff: Ma hat die Wahlen gewonnen, indem er die Rolle der Wirtschaft betont hat. Es ist m.E. sein wichtigstes Pfand auf dem Weg zu politischen Ebenen, auf denen sich in ferner Zukunft einmal etwas tun könnte.

When China reorganized ARATS, the new position of executive vice chairman was established under the original positions of chairman and standing vice chairman. This meant that the SEF’s second-in-charge, secretary-general Kao Koong-lian (高孔廉), would have to deal with ARATS’ third-in-charge, vice president Sun Yafu (孫亞夫). The message from China is that Taiwan is merely a local government.

Was ist die kürzeste Zusammenfassung? China wahrt sein Gesicht und redet mit den „Abtrünnigen“, und verwaltet alles über die Regionalkommission, als wäre es eine Inlandsangelegenheit. Alle möglichen Ergebnisse bleiben kontrolliert und niedrigschwellig. Taiwan schluckt einige Kröten, stampft symbolisch die Taiwan-Briefmarken wieder ein und kann faktisch nur Touristen ins Land lassen, mit gemischen Gefühlen und Bordell- und Casinoverbot für Volkschinesen. Immerhin, kommenden Freitag sollen die Direktflüge beginnen. Da darf man auf kulturelle Folgen durchaus gespannt sein.

Von gleichberechtigen Gesprächen kann aber vorerst keine Rede sein. Da ist noch viel Spielraum, SEF und ARATS!


Ma Ying Jeou ist neuer Präsident in Taiwan

22. März 2008

In Ermangelung einer einmütigen und entschiedenen Position berichtet dieses Blog mit einem Nachrichtenüberblick über die Präsidentschaftswahl in der Republik China. (Unser schwach bewertetes Ziel, keine KMT-Monokultur zu erhalten, war von vornherein unrealistisch.) Freuen wir uns also über die Aussichten, die für dieses Jahr einen Krieg der Volkschinesen gegen Taiwan unwahrscheinlicher machen.

  • Ausführlicher Bericht in der Tagesschau:

    Der Oppositionelle Ma hat die Präsidentenwahl auf Taiwan mit deutlichem Abstand gewonnen. Der Kandidat der Kuomintang hatte sich im Wahlkampf für eine deutliche Annäherung an China ausgesprochen, auch um die wirtschaftliche Entwicklung der Insel zu fördern. …

    Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters machte Ma den Beginn von formellen Friedensgesprächen mit China davon abhängig, dass Peking die auf Taiwan gerichteten Raketen abrüstet.

  • Spiegel Online: Oppositionskandidat Ma gewinnt Präsidentenwahl

    Die Präsidentenwahl auf der Insel galt als Richtungsentscheidung über das künftige Verhältnis zu Peking. Sowohl Ma als auch Hsieh haben angekündigt, die Beziehungen zu China zu entspannen. Während Ma einen Friedensvertrag mit Peking und Verhandlungen über einen gemeinsamen Markt anstrebt, trat Hsieh für eine zurückhaltendere Annäherung ein. Beide Kandidaten befürworteten eine Abkehr von der strikten Abgrenzungspolitik des DPP-Politikers Chen Shui-bian, der seit 2000 regierte und eine förmliche Unabhängigkeitserklärung anstrebte.

    In den Umfragen hatte Ma lange Zeit in Führung gelegen. In den letzten Tagen des Wahlkampfs stellte sich Hsieh auf die Seite der Protestbewegung in Tibet und konnte damit seinen Abstand in den Umfragen verringern.

  • New York Times: Taiwan Elects Leader Who Seeks Closer Mainland Ties
  • Life in Motion: Taiwanese are officially sane again

    As of this writing, Taiwan has elected Ma Yingjiu to become the third elected leader of Taiwan against the pro-war candidate Frank Hsieh. Although the issues of Tibet and the United Nations were made into key issues by the pro-war and pro-independence camps, it was the economy that became the main issue in this election. The legislative elections in the early part of the year had already brought a 2/3rds majority to the Kuomintang and this recent presidential election has brought them the executive branch.

    Many non-Chinese expats often made delusional claims that Frank Hsieh was going to easily triumph over the evil Chinese Ma Yingjiu in the 2008 Taiwan presidential election. Most of this premature analysis was on the basis of slanted English-language reports from the corporate media or from DPP-affiliated publications like the Taipei Times. Some of these expats are simply siding with these groups because they bought into the romanticised ideals of Taiwanese independence without understanding the cultural nuances and realities behind it.

  • Netzeitung: Wahlgewinner verspricht Annäherung an China
  • FAZ: Oppositionskandidat gewinnt in Taiwan
  • FTD: Taiwanesen wählen die Wende
  • Peking Duck: Taiwan Votes 2008 (2)

Zu guter letzt: die Deutsche Welle hat einen Kommentar, der selten deutlich und erläuternd zugleich ist.


Wahlen zum Legislativen Yuan in Taiwan

10. Januar 2008

Kommenden Samstag wird in Taiwan gewählt. Der neu zu besetzende Legislativ-Yuan ist praktisch der zweitwichtigste, da die Gesetzgebung kontrollierende Teil der Regierung, ist aber nicht ganz mit dem Parlament gleichzusetzen. Nachdem 2004 die Wahlen haarscharf für die DPP ausgingen, schlägt sich die politische Spannung auch in der aktuellen Berichterstattung nieder, mehr oder minder.

Die Vermischung zwischen den Legislativ-Yuan und den Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten betreffenden Themen übernehme ich dabei mal aus der zugänglichen Berichterstattung. Das politische System der ROC versteht man ja hierzulande ohnehin kaum, trotz 5%-Hürde.

  • Allgemeine Hintergründe zuerst: Der stern brachte bereits am 22. November 2007 einen recht guten Artikel von Ellen Deng und Adrian Geiges, Präsidentschaftswahlen in Taiwan. Ringkampf vor den Augen Chinas. Es geht nicht nur um Politik und den Wahlkampf, sondern auch um Aufklärung, dass die Republik China auf Taiwan nicht mit der kommunistisch-diktatorischen Volksrepublik China über denselben Kamm zu scheren ist. Auch sonst wenig beachtete ethnisch-kulturelle Aspekte spielen eine Rolle:

    „Ihr seid Betrüger!“, schreit Bankdirektor Huang Jinchang die Rentnerin Chen Xiangmei an, auf einem Gehweg unweit vom Präsidentenpalast. „Euer Präsident Chen Shuibian ist schamlos!“, geifert sie zurück. Immer mehr Menschen sammeln sich, schlagen sich in dem Streit auf die eine oder andere Seite. Der Bankdirektor und seine Freunde tragen weiße T-Shirts mit der Aufschrift „Taiwan – mein Land“, unterstützen damit die Aktion ihres Präsidenten Chen Shuibian für einen Beitritt der Insel zur UNO unter dem Namen „Taiwan“. …

    Die Rentnerin und ihre Gesinnungsgenossen tragen rote Fahnen mit einer weißen Sonne auf blauem Grund im linken oberen Eck. Dies war die Flagge Chinas vor der kommunistischen Revolution 1949 – und ist bis heute die Flagge der Republik China, eines Landes, das kaum noch jemand unter diesem Namen kennt. Die meisten Menschen nennen die Insel mit 23 Millionen Einwohnern Taiwan.

  • Nicht neutral, und auch nicht aktuell auf die Wahlen orientiert, ist ein Beitrag auf sinosplice.com. How Taiwan Became Chinese ist eigentlich nur eine Andeutung des Autors, er wolle das geschichtswissenschaftliche orientierte gleichname Buch demnächst lesen. In der sich entspannenden Diskussion werden allerlei frische und abgelegte Argumente gewälzt. Wer noch eine Einführung ins Thema auf Blog-Art braucht kann hier in den ca. 80 Diskussionsbeiträgen vieles nachlesen, aus Außen- und Innensicht.

Die offiziellen Taiwan Headlines listen beinahe genüsslich das zunehmend unsachliche Wahlkampf-Hickhack zwischen den beiden großen Lagern auf. Nicht nur heute am 10. Januar 2008 wird dreckige Wäsche gewaschen, z.T. mit alten Themen.

Neben den zitierten Taipei Times und den Taiwan News ist TaiwanDC.org auch eine verlässliche Quelle für englischsprachige Nachrichten, nur derzeit noch nicht sehr auskunftsfreudig zum Wahlkampf 2008. In der Wikipedia dagegen sind alle 3 Wahlen beschrieben: 2001, 2004 und 2008. In der gemeinen Presse werden die Wahlen und Wahlkämpfe für 2004 und 2000 einführend berichtet.

  • In Das Parlament (wo man einiges zu Taiwan finden kann) gab es einen guten Überblicksartikel von Kristin Kupfer, der nach Richtungen und Zielen nach der Wahl 2004 fragt: Wohin steuert Taiwan? Patt nach monatelangen Schlammschlachten. Daraus:

    Mit hauchdünnem Vorsprung hat der amtierende taiwanesische Präsident Chen Shuibian die Wahl am 20. März 2004 gewonnen. Deshalb streiten Regierung und Opposition um eine mögliche Neuauszählung der Stimmen. Doch ein Ergebnis der Wahl steht schon fest: Taiwan braucht dringend eine neue Zukunftsvision, welche die gesellschaftliche Krisenerschienungen ebenso wie die Positionierung gegenüber der Volksrepublik China meistert.
    Ein Wahlkrimi ohne Ende. In monatelangen politischen Schlammschlachten und enthusiastischen Wahlveranstaltungen hatte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten, der amtierende Präsident Chen Shuibian von der Demokratischen Fortschrittspartei (DDP) und sein Herausforderung der nationalen Volkspartei Guomindang (GMD), Lian Zhan, abgezeichnet. Dann wird einen Tag vor den Wahlen auf Präsident Chen geschossen. Er überlebt mit einer Bauchwunde und erhält am nächsten Tag rund 30.000 Stimmen mehr als sein Herausforderer. Soweit die Fakten.

  • Zur Wahl in 2000 liefert cosmopolis.ch schöne Zahlen und erhellende Einzelheiten auch zu großpolitischer Wetterlage und ihrer begleitenden Rhetorik. Die Präsidentschaftswahlen in Taiwan:

    Das offizielle Endergebnis der Wahl vom 18. März 2000, Wahlbeteiligung über 80%: 39.3% für Chen Shui-bian (DPP), 36.8% für James Soong (unabhängig), 23.1% für Lien Chan (KMT).
    Es gibt nur ein demokratisches China: Taiwan. Zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte konnten die Wähler über einen Machtwechsel von einer regierenden Partei, der Kuomintang (KMT), zu einer Oppositionspartei, der Democratic Progressive Party (DPP), entscheiden. Taiwan hat seit 1949 einen langen Weg zurückgelegt. Die DDP wurde erst 1987 legalisiert – in jenem Jahr wurde auch das Kriegsrecht ausser Kraft gesetzt.
    Chen Shui-bian hat eines der grossen Comebacks in der Politik zustande gebracht. Noch im Dezember 1998 war er bei der Wiederwahl als Bürgermeister der Hauptstadt Taipei gescheitert. Nun ist der 49jährige Chen, ein Anwalt, der aus einfachen Verhältnissen stammt, zum neuen Präsidenten Taiwans gewählt worden.
    In mehrerer Hinsicht kommt dies einem politischen Erdbeben gleich. Die Opposition kommt erstmals an die Macht. Die Kuomintang verliert erstmals ihr 50jähriges Machtmonopol auf der Insel. Mit Annette Lu (DPP) haben die Wähler erstmals einer Frau den Vizepräsidentenposten anvertraut, womit sie, eine langjährige Vorkämpferin für die gleichen Rechte zwischen Mann und Frau, zur höchsten weiblichen Repräsentantin im Staat aufsteigt.

Auch bei den politischen Stiftungen findet man einigesm z.B. bei der FES oder auch der KAS. Das schenke ich mir aber, soll jeder selber lesen.

Dreh- und Angelpunkt, wie immer und wie bei allen demokratischen Wahlen, ist letztlich die tatsächlich geschaffte Mobilisierung der passiven aktiven Wähler – 2004 lag die Wahlbeteiligung bei vergleichsweise beachtlichen 80,28%. Am Samstag werden wohl auch die ewigen Werbemonitore in den U-Bahnen und Bussen darauf hinweisen, man möge doch bitte zur Wahl gehen. Möge es helfen, dass die Taiwaner auch das Parlament bekommen, das sie inhaltlich wünschen.


0988 888 888 für 130′000 Euro

30. November 2007

Aus der Abteilung kulturelle Kuriositäten: für bestimmte Nummernkombinationen wird in Taiwan viel Geld bezahlt – jüngst an die 220′000 Euro für eine Reihe von Telefonnummern, die Glück, Geld und Vermögen bedeuten. Chinesen lieben Zahlenspiele, und die 8 klingt auf Mandarin wie auf Taiwanisch nach Geld – je häufiger sie vorkommt, desto mehr Geld wird auch dafür ausgegeben. Unter den zehn versteigerten Mobilnummern befanden sich folgerichtig 0988-888-888 (achtfaches Glück, ca. 130′000 Euro), 0988-168-168 (immer wieder viel Geld verdienen) und 0988-555-888 (ich ich ich verdiene und habe viel viel Geld).
Da anzurufen ist sicherlich möglich, aber tendenziell unspannend: auf der Auktion haben Unternehmen geboten, und so landet man vermutlich bei den zugehörigen Presseabteilungen. Vorwahl nicht vergessen: 00886, und dann die führende Null der Mobilfunknetz-Einwahl 0988 weglassen, wie überall anders auch.

Aus The China Post, 30. November 2007: Lucky phone numbers fetch NT$10 mil. in Taiwan auction.


Taiwans grünes Herz (NZZ)

1. November 2007

Über die Chinablätter gefunden: Taiwans grünes Herz, ein Artikel aus der NZZ. Darin heißt es:

Touristischer Augenschein auf einer Insel, die weiterhin im Schatten Chinas steht Obschon die Insel Taiwan sich international noch nicht als Feriendestination etabliert hat, wartet sie mit einem durchaus spannenden Kontrast auf zwischen dem emsigen Leben in den supermodernen Städten und dem ruhigen und beschaulichen Leben im grünen Hinterland.

So viel ist sicher: Das sattgrüne Taiwan ist kein China en miniature. Beim Vergleich mit dem Mutterland schneidet die Insel nämlich in vieler Hinsicht besser ab. Das Leben auf dem früher von den Portugiesen liebevoll «Ilha Formosa» genannten, 36 179 Quadratkilometer kleinen Eiland ist sauberer und ruhiger – obwohl Taiwan mit über 620 Einwohnern pro Quadratkilometer eine der weltweit höchsten Einwohnerdichten aufweist. Die von internationalen Touristen erst wenig besuchte Insel lässt sich in drei Regionen aufteilen: erstens die Westküstenebene, wo modernste Technologie Hand in Hand mit traditionellem Reisanbau und Fischzucht geht; zweitens die dramatischen Felsformationen der wilden Ostküste, die den aus dem Pazifik heranbrausenden Taifunen überlassen werden. Und dazwischen im Landesinnern, drittens, das ökologisch grüne Herz der Insel.

Ein schöner, wenn auch notwendigerweise unvollständiger Artikel. Man hätte noch so vieles mehr schreiben können… gerade letzte Woche zeigte leafgirl04 auf taidaexchange Fotos vom Rock Climbing at Longdong (龍洞), atemberaubend:

Felsen in Longdong, TaiwanFelsen und Brandung in Longdong, Taiwan

Die Natur ist vielerorts unberührt. Und an vielen Orten im Land sind wenige Westler unterwegs, so dass der Kontakt automatisch passiert. Für Pauschaltouristen und Reisebusse wird das nie ein großer Markt, aber hoffentlich kommt der Artikel dennoch bei Reiseveranstaltern und bei den Deutschen an, die bei „Asien“ immer gleich an „Thailand“ oder „Malediven“ denken, oder schlimmer noch „Hähnchen süß-sauer mit Ananas“.


Presseschau zum Verhältnis China-Taiwan (2)

18. September 2007

Mehr Rhetorik aus allerlei Richtungen gabs zum alten Thema des angestrebten UN-Beitritts von Taiwan Anfang dieser Woche. Blogs, Zeitungen, Regierungen, alle geben ihres dazu. Hier eine Auswahl, vage ungeordnet:

  • International Herald Tribune: Chinese leadership faces fresh challenges from Hong Kong and Taiwan, 16. September 2007:

    On Saturday, the Taiwanese leader called on tens of thousands of supporters at a rally in the southern city of Kaohsiung to back the referendum, which is timed to coincide with the presidential poll next March. The opposition Kuomintang Party also mobilized tens of thousands Saturday at its own rally in the central city of Taichung, calling for a referendum on UN admission under Taiwan’s official name, the Republic of China, or any other „pragmatic“ name.

    Der bisher sympathischste Artikel zum Thema, differenziert dazu. Präsident Chen bleibt ja tatsächlich noch die Möglichkeit, nach dem Sieg der DPP nächstes Jahr, auf eine formelle Abstimmung zu verzichten. China manövert bereits herum, will Angst verbreiten und signalisiert wohl auch den USA, dass man keinen Spass verstehe. So kurz vor Olympia will man es nicht drauf ankommen lassen müssen, so als gutes Gastgeberland…

  • Ein anderer Präsident bloggt über die Demonstrationen vom Samstag in Taipei, wo die pan-grünen zu zehntausenden auf die Straße gingen. Hoteldevilart Hotelvilladeart, 17. September 2007:

    Zehntausende Taiwaner aus verschiedenen politischen Lagern demonstrierten auf zwei großen Kundgebungen in Kaohsiung und Taichung für den UN-Beitritt ihres Landes. Taiwan soll entweder unter dem offiziellen Landesnamen „Republik China“ oder eben als „Taiwan“ in die UN aufgenommen werden. Präsident Chen Shui-bian möchte die Taiwaner in einem Referendum darüber abstimmen lassen, ob das Land sich in Zukunft unter der Bezeichnung Taiwan um die Aufnahme in die UN bemühen soll. Die demokratische Insel vor der Küste Chinas startete zudem eine Werbekampagne, um in den westlichen Gesellschaften für Unterstützung in dieser Sache zu werben.

  • Taipei Times (von AFP übernommen): China protests US weapons sales to Taiwan, Dienstag 18. Septemer 2007

    China yesterday protested against proposed US$2.2 billion US weapons sales to Taiwan, urging Washington to cancel the deal and end its ties with the Taiwanese military.

    „The Chinese side strongly opposes the sales of weapons to Taiwan by the US government,“ a foreign ministry spokeswoman said. „This constitutes rude interference in China’s internal affairs. The Chinese side strongly protests against this and has raised solemn representations with the United States.“

    Hier gehts um den Seefernaufklärer Lockheed P-3C Orion, von dem ein Dutzend von den USA an Taiwan verkauft werden sollen. Taiwanstraße, Seeweg, U-Boote… verstanden? Das ist derselbe Flugzeugtyp, wenn auch in anderer Ausstattung, von dem damals April ein Exempkar 2001 den Chinesen unverhofft in die Hände gefallen ist. Die Kommunisten wissen um das verschobene Gleichgewicht, wenn Taiwan gleich 11 mehr davon hat.

  • Xinhua-Propaganda: Overseas Chinese continue to blast Taiwan referendum plan vom 18. September 2007 berichtet die Meinungen von pro-volksrepublikanischen Überseechinesen aus aller Welt. Man solle doch eine „nüchterne“ Entscheidung treffen, wenn es zur Volksabstimmung komme.

Alles geschenkt. Auch die Taiwanesen werden nicht nüchtern urteilen können, wenn sie wie jedes andere Volk auch schon nach einem Jahr vergessen haben, dass Zehntausende damals den Rücktritt Chen Shui-bians forderten. Nüchterner als wir hier „im Westen“ sind sie genausowenig, wenn sie nach der vierzehnten Ablehnung durch die UN es erneut versuchen. Aber so funktioniert die Politik, wenn sie demokratisch gehandhabt wird.