Das Freihandelsabkommen ECFA, mit dem Taiwan versuchsweise den durch die Volksrepublik China geschlossenen Abkommen hinterhereifert, ist soeben unterzeichnet worden.
Bis zuletzt kontrovers diskutiert, bleibt der Effekt oder gar der Erfolg offen. Ob jetzt der taiwanische Markt mit allerlei unschlagbar billigen Waren aus China überschwemmt werden wird oder ob die einheimische Wirtschaft tatsächlich gefördert wird. Hier in Europa herrschen die Kritiker oder die Ignoranten vor.
Zum Thema schrieb Blörn Rosen für die in Berlin erscheinende Tagesszeiten am vergangenen Sonntag: Geschäfte mit dem Feind:
Die Auseinandersetzung entzündet sich vor allem an einem Thema: Ecfa. Die Abkürzung steht für „Economic Cooperation Framework Agreement“, ein Wirtschaftsabkommen, das Taiwan und die Volksrepublik nach langen, wenig transparenten Verhandlungen am Dienstag im chinesischen Chongqing unterzeichnen werden. Es soll beiden Seiten bessere Geschäfte ermöglichen, durch niedrige oder ganz wegfallende Zölle und das Ende von Investitionsbeschränkungen. Das mag unspektakulär klingen, ist aber ein Meilenstein im Verhältnis der beiden Seiten. Kein Wunder, dass Ecfa Taiwan seit Monaten in Aufregung versetzt – und die Gesellschaft spaltet. Die Hälfte der Bevölkerung ist mehr oder weniger dafür, rund ein Viertel strikt dagegen. Jeden Tag sind die Zeitungen voll mit neuen Meldungen über das Abkommen.
Heute früh in den deutschen 7 Uhr-Nachrichten im Deutschlandradio: die Haftstrafe für den ehemaligen Präsident Taiwans, Chen Shui-bian, ist von „lebenslänglich“ auf 20 Jahre verkürzt worden. Er sitzt derzeit im Gefängnis in Tucheng in der Nähe von Taipei. Kritiker sehen darin fast schon ein Eingeständnis, dass Chen maßgeblich aus politischen Gründen verurteilt und die Strafe unangemessen hoch angesetzt wurde.
Wie die fleißigen Leute bei taiwaneuwatch.com berichten findet demnächst das „Filmfestival 2010 – Dokumentarfilme aus Taiwan“ findet in Tübingen statt.
Am Freitag, 25. Juni 2010 von 14:00 – 17:00 Uhr sowie am 26. Juni werden verschiedene Filme im Original gezeigt, jeweils mit Untertiteln. Veranstaltungsort ist die Eberhard Karls Universität Tübingen, dort im Neuphilologikum, Hörsaal 037 in der Wilhelmstraße 50.
Wie die Taipei Times meldet erhält das dänische Onlinemagazin ‘Taiwan Corner’ eine deutsche Abteilung. Immerhin die Titelseite des Newsletters wird wird übersetzt, so dass jetzt neben Niederländisch, Englisch und Chinesisch jetzt auch die deutsche Nachrichtenwelt leichteren Zugang zu Nachrichten aus Taiwan hat. Hey, mit diesem Anspruch sind wir uns gar nicht so unähnlich! Willkommen!
In Zukunft also direkt hier entlang: http://www.taiwancorner.org/German/index_ger.html
Nach den ersten wenigen Läden für 珍珠奶茶 in Berlin gibt es seit Freitag einen weiteren: Boboq (www.boboq.de) in der City West, Marburger Straße 17.
Wir waren noch nicht da, aber in den kommenden Tagen werden wir hingehen und ausführlich Tapioka-Perlen schlürfen. 9)
Interessant und unvermeidlich beim Blickpunkt ist der Hinweis, dass beinahe jeder Artikel über Taiwan irgend eine Referenz zu China enthalten muss, so auch der in der Welt von heute. Scheint tatsächlich so zu sein. Das ist aber keineswegs „natürlicherweise“ so, sondern irgendwie immer einer schlechten, also unvollständigen und oft unverständigen Berichterstattung geschuldet. Wer weiß denn hierzulande besonders viel über Taiwan? Unsere Großväter sind alt genug, um noch „Nationalchina“ von „Rotchina“ unterscheiden zu können, und kennen den Namen „Formosa“. Etwas jüngere und weltpolitisch informierte wissen über Taiwan, dass „es unter der ständigen Bedrohung durch China“ lebt. Nunja, so ganz falsch ist das nicht. Aber arg verkürzt. Wie soll man das formulieren, wenn man nur eine kurze Fahrstuhlfahrt lang Zeit hat? Eine richtig gute ein-Satz-Antwort haben wir auch nicht immer parat. Mir fiel in obiger Situation nur ein zu sagen, dass man da schnell ins diskutieren kommen würde und es viele kontroverse Meinungen gibt. Und dass die Politik zum Glück eine größere Rolle spielt als eine unmittelbare Kriegsdrohung. Da gingen die Fahrstuhltüren schon wieder zu. Keine gute Voraussetzung, auf Regierungen und ihre Positionen abzuheben.
Dieses Blog versucht in unregelmäßigen Abständen das Wahrnehmungsfenster zu weiten, oder zumindest beständig offen zu halten. Blickpunkt Taipei macht das regelmäßiger und profunder als wir, aber auch da vermisst man ab und an etwas. Offene Türen einrennen ist das eine, aber den Blick zuerst einmal zu öffnen ist oft schwieriger als man ahnt.
Ein Problem ist die mangelnde Anerkennung der Wirtschaftskraft Taiwans. Für ein so kleines Land ist Taiwan sehr leistungsfähig. Wir haben anderswo schon Vergleiche gezogen (und werden das demnächst mal wieder tun) – was da im Bild noch fehlt ist eine Studie zur, ich sage jetzt mal „Markenwahrnehmung“. Jeder Taiwanese, der auch nur ein wenig 愛國, also Patriot ist, wird sofort eine ganze Latte von Herstellern, Marken und Produkten nennen können, die genuin aus Taiwan stammen. Aber anderswo auf der Welt fehlt schlicht das Wissen, selbst bei Overclockern und IT-affinen Zielgruppen. Damit kommt auch eine gewisse Verankerung taiwanischer Marken in Europa zu kurz. Und das hat nicht unbedingt politische Gründe.
Das vielleicht beste, oder jedenfalls ein treffendes Beispiel ist Giant, die Fahrradmarke. Fast jeder beliebige Fahrradladen in Deutschland dürfte das eine oder andere Poster aufgehängt haben, auf dem „Giant USA“ beworben wird. Ich kenne die Marke gefühlt seit Ewigkeiten – aber bis ich ca. 2000 darauf aufmerksam wurde ahnte ich nicht, dass sie aus Taiwan stammt. So kanns hierzulande gehen, während man in Taiwan sichtbar stolz ist über die Marken und entsprechend pikiert, wenn man sagt „…aus den USA?“.
Wenn es gut steht haben Menschen aus dem IT-Bereich im weiteren Sinne gleich eine ganze Reihe Fakten parat: 80% aller Hardware komme aus Taiwan, wird dort oder outgesourct in China hergestellt. Manche wissen noch, dass sie zumeist in Taiwan entwickelt wird. Die Marken sind zahlreich und decken weite Teile des Marktes ab: Asus, Acer, MSI, Foxconn, Gigabyte, ASRock, Tyan, Transcend, Adata, G-Skill … aber selbst hier hört die Wahrnehmung bald auf. Ich fand dieses Video, wo die Moderatorin mehrmals und zunehmend drängelnd versucht, dem Overclocker „Sascha“ mehr Marken zu entlocken, und scheitert:
Was hat das mit politischen Sichten auf Taiwan und China zu tun? Die Metapher vom „großen Bruder“ im Reiseartikel ist zumindest unglücklich gewählt. Die Familienähnlichkeit mag bestehen oder nicht. Die Vergleiche hinken schnell, denn China ist nicht geteilt und nicht wie Deutschland geteilt worden. Es gab einen Bürgerkrieg. Eine Wiedervereinigung mag mancher wünschen, unterliegt dabei einem Trugschluss – dem Teil „wieder“. Daran ändern auch „furry lardbombs“ im Zoo Taipei nichts.
Den Gedanken, dass eine einsichtig gewordene Volksrepublik tatsächlich demokratisch wird und sich formal der Republik anschließt halte ich für den gewagtesten. Aber zuvor müssen beide Seiten, so sie es denn wollen, sich mit der Vergangenheit beschäftigen, ohne in Zoten und
im Nachtprogramm eines Nachrichtensenders: eine typisch reißerische Dokumentation über Stormchaser, die in Florida der Stormwall hinterherfahren und die Verwüstung filmen.
Die Satellitenbilder von Stürmen haben teilweise nichts mit Florida oder der Karibik zu tun, sondern zeigen beeindruckend große Wirbel und Wolkenformationen über Taiwan, der Taiwanstraße und dem Südchinesischen Meer.
Der Kommentar erwähnt das nicht – jetzt glaubt die Welt oder zumindest die Zielgruppe, Florida hat etwa die Form eines Tabakblattes und ist eigentlich eine Insel.
Bei EastSouthWestNorth finden sich Erkenntnisse einer Umfrage, die im Auftrag des Privatsenders TVBS durchgeführt wurde (PDF-Link). Gefragt wurde nach der Einstellung zu einigen Aspekten, die mit dem politischen Verhältnis zur Volksrepublik China und einigen der beteiligen politischen Agenten zu tun haben: ECFA, ARATS, DPP und der politischen Bevölkerung Taiwans.
Unsere Kurzfassung der Zahlen ist diese: Wenn die Wahl bestünde, sich mit China zu vereinigen oder unabhängig zu werden, wählen zwei Drittel der Befragten (68%) die Unabhängigkeit. Vor die Wahl gestellt, den Status Quo zu behalten oder die Unabhängigkeit zu forcieren geht beinahe derselbe Anteil auf „Status Quo behalten“ (64%). Beide Antworten dürften die Fragen, wie die bisher unter Ma Ying-yeo ausgehandelten Verträge zu Taiwan einzuschätzen sind (30% zuträglich, 31% abträglich) und ob sich die gegenwärtige Regierung zu sehr in Richtung Volksrepublik lehnt (52%) nachdrücklich qualifizieren.
Die taiwanische Außenpolitik wird also spannend bleiben und dürfte wie bisher im Wahlkampf eine gewichtige Rolle spielen. In der Außenwahrnehmung
Eine etwas andere Zusammenfassung hat die China Times.
In Ermangelung eines souveränen, voll handlungsfähigen Staats stellt sich den Taiwanern seit mehr als zwanzig Jahren die Frage: Wie können wir unsere mühsam errungene Demokratie und Eigenständigkeit gegenüber der Volksrepublik, die auf uns Anspruch erhebt, behaupten? In welchem Sinn gehören wir, wenn überhaupt, zu China, und was gehört außerdem noch zu uns? Was ist überhaupt „China“, abgesehen von der das Land zurzeit regierenden Kommunistischen Partei? So wird Taiwan für die Diskussion, was die chinesische Kultur zur Gegenwart beitragen kann, unentbehrlich.
Ich bin nicht sicher ob ich mit allen Darstellungen und Schlußfolgerungen übereinstimme. Um etwas über die intellektuelle und literarische Welt in Taiwan zu erfahren und Buchempfehlungen zu erhalten ist der Artikel jedenfalls bestens geeignet. Wir wünschen uns mehr Journalisten, die so einen weiten Blick haben und einige der Problematiken verstehen und darstellen können, politisch wie kulturell.
Was wie ein ganz populistischer Klimmzug der niederen Sorte klingt ist eigentlich eine gute Sache: wenn man auf der Suche nach der Kampagne um das Freihandelsabkommen, das Taiwans Präsident mit China (und der ASEAN) schließen will, statt dpp.org.tw mit einem Tippfehler als ddp.org.tw eintippt, dann… Ich verlinke das besser nicht, den Neugierigen sei gesagt, dass man nackte Frauen zu sehen bekommt (die aber tendenziell eher zahm daherkommen, zumindest wenn man dem Link dort nicht folgt). Könnte Zufall sein, muss aber nicht. Die öffentliche Wirkung der Kampagne jedenfalls steigt dadurch enorm.
Anyway, die Diskussionen um das ECFA halte ich für gut und fruchtbar, denn „einfach so“ das Abkommen schließen klingt in den Ohren vieler nach „wir übergehen den offensichtlichen gesellschaftlichen Diskussionsbedarf“. Schwellenwert für den Eingang in offizielle parlamentarische Auseinandersetzungen sind 87.000 Unterzeichner, und es sind schon über 136.000. Ein Referendum wird kommen müssen, zu viele fühlen sich uninformiert über die genauen Inhalte. Politisch ist es ausgesprochen dumm die Mehrheit zu ignorieren.